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Was kann gewichtsneutrale Therapie? - Weg von der Waage, hin zu gesundheitsfördernden Zielen

Aktualisiert: 11. Jan. 2023

Schon gewusst? – Du musst nicht abnehmen, um deiner Gesundheit etwas Gutes zu tun. Ganz im Gegenteil: Der Fokus auf der Gewichtsabnahme kann dich sogar davon abhalten gesund zu leben. Ein gewichtsneutraler Ansatz ermöglicht dir hingegen, dich auf gesundheitsfördernde Ziele zu konzentrieren.

Im Artikel erfährst du mehr darüber, was gewichtsneutral überhaupt bedeutet und welche Gefahren es mit sich bringt, wenn Gesundheit auf das Körpergewicht reduziert wird.



Gewichtszentrierte vs. Gewichtsneutrale Therapie

Unser Gesundheitssystem ist derzeit nach einem gewichtszentrierten Ansatz ausgerichtet. Das bedeutet, dass das Gewicht als wichtiger Marker herangezogen wird, um den Gesundheitszustand zu bestimmen. Ein höheres Gewicht wird somit mit schlechterer Gesundheit bewertet. Gewichtsreduktion, mithilfe der Tools Ernährung und Bewegung, ist daher oft gegebene Therapieempfehlung.


Bei einem gewichtsneutralen Ansatz rückt das Gewicht in den Hintergrund. Stattdessen wird Gesundheit ganzheitlich betrachtet, ganz nach der Definition der WHO:

Gesundheit ist ein Zustand des umfassenden körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Sie ist ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert und in konkreten Lebenssituationen immer wieder neu gestaltet und ausbalanciert werden muss.

Der Mensch wird in der gewichtsneutralen Beratung ganzheitlich betrachtet, vor allem die psychische Gesundheit bekommt viel Platz. Dabei werden gemeinsam Verhaltensweisen erarbeitet, die die individuelle Gesundheit fördern. Gesundheitsfördernde Verhaltensweisen spiegeln sich zum Beispiel in den 10 Prinzipien der intuitiven Ernährung wieder.


Du siehst, die Wege sind die gleichen. Bei beiden Ansätzen beschäftigt man sich u.a. mit Ernährung und Bewegung. Was anders ist, ist die Sichtweise auf das Ziel. Bei einem gewichtsneutralen Ansatz halte ich mich nicht mit dem „Mittelsmann Gewicht“ auf, denn der versperrt mir die Sicht auf die Dinge die meiner Gesundheit wirklich gut tun. Gewichtsmanipulation ist nicht notwendig, um die Gesundheit zu verbessern. Untersuchungen zeigen, dass sich beim intuitiven Essen das Essverhalten, Blutfettwerte, Blutdruck, aber auch das Selbstbild, Stressresilienz und Zufriedenheit verbessern (Tribole & Resch, 2020). Beim Sterblichkeitsrisiko verschwindet der Zusammenhang zum Körpergewicht, wenn die körperliche Aktivität mitberücksichtigt wird. Unabhängig vom BMI steigt das Sterblichkeitsrisiko, wenn sich wenig bewegt wird. Gewichtsreduktion führte in einer Metaanalyse (qualitativ gute Studie) auch nicht zu einem geringeren Sterblichkeitsrisiko (Gaesser, Angadi, 2021).


Die Gefahr, wenn Gesundheit auf das Körpergewicht reduziert wird

  • Gesundheitsfördernde Verhaltensweisen verlieren an Bedeutung

Gewichtszu- oder –abnahme kann, muss aber nicht Symptom einer Veränderung des Lebensstils sein. Das Körpergewicht wird nämlich durch viel mehr Faktoren beeinflusst, als nur durch Ernährung und Bewegung. In der Praxis habe ich häufig beobachtet, dass Erfolgen im gesundheitsfördernden Verhalten eine zu geringe Beachtung geschenkt wird, wenn dadurch keine Gewichtsabnahme stattgefunden hat. Ein plakatives Beispiel: Einer Person wurde empfohlen Gewicht abzunehmen und hat deshalb regelmäßige Bewegung gemacht. Nach ein paar Wochen hat sich am Gewicht nichts verändert und die Person denkt, dass die Bewegung nichts gebracht hat, also kann sie auch genauso gut wieder damit aufhören. Frustgedanken kommen hoch und die Motivation für regelmäßige Bewegung ist auf unter Null gesunken. Dieser Verlauf ist deshalb so schade, weil regelmäßige Bewegung an sich in jedem Fall Vorteile für die Gesundheit mit sich bringt! Beweglichkeit, spürbare Kraft, psychische Ausgeglichenheit, Vorbeugung von Schmerzen… um nur ein paar Vorteile zu nennen. Doch wenn das Gewicht im Vordergrund steht, verlieren diese Vorteile an Bedeutung und Gesundheitsförderung rückt somit in den Hintergrund.


  • Gewichtsstigmatisierung im Gesundheitsbereich

Wenn eine medizinische Diagnose vorhanden ist, kann der Fokus am Körpergewicht dazu beitragen, dass die Erkrankung selbst nicht adäquat behandelt wird oder bei Beschwerden nicht ausreichend nach der Ursache geforscht wird. Ursache und Therapieempfehlung begrenzen sich oft auf das Gewicht. Menschen mit hohem Körpergewicht erfahren deshalb oft eine schlechtere Gesundheitsversorgung (Flint & Colosio, 2022; Tomiyama et al., 2018). Dadurch steigt das Risiko, dass Erkrankungen nicht rechtzeitig erkannt werden, obwohl eine Verschlimmerung verhindert hätte werden können. Dazu trägt auch bei, dass Menschen die solche Gewichtsstigmatisierung beim Arzt/Ärztin erfahren haben, Hemmungen haben bei Beschwerden ärztlichen Rat aufzusuchen.

Da ich als Diätologin auch zu den medizinischen Gesundheitsberufen zähle, ist es mir deshalb wichtig mich ganzheitlich auf meine Klient*innen einzulassen. Mit einer breiten Anamnese und Zuhören statt mich auf Annahmen zu stützen, erhält jede*r Klient*in genau die Empfehlungen, die individuell sinnvoll sind und nachhaltig wirken.


  • Weight Cycling

Oder auch Jojo-Effekt. Abnehmversuche/Diäten funktionieren in den meisten Fällen nicht. Mit jeder Diät steigt das Risiko für eine Gewichtszunahme (Mann et al., 2007; Pietiläinen et al., 2012; Neumark-Sztainer et al., 2006). Mehr dazu kannst du in diesem Blogartikel lesen. Die ständigen Gewichtsschwankungen durch Abnehmversuche schaden der Gesundheit mehr als ein stabiles Gewicht. Die betroffenen Personen bewegen sich tendenziell weniger und haben häufiger ungesunde Verhaltensweisen im Ernährungsbereich (Field et al., 2004). Sogar in den aktuellen Diabetes-Typ-2-Leitlinien wird beschrieben, dass ein stabiles Körpergewicht für die kardiovaskuläre Gesundheit gesünder ist als Gewichtsschwankungen. Gewichtsschwankungen bei Diabetes Typ 2 sind mit einem höheren Sterblichkeitsrisiko assoziiert (Skurk et al., 2021).


  • Psychische Gesundheit leidet

Körpergewicht wird in unserer Gesellschaft, ob medial oder im Familien-/Freundeskreis, häufig diskutiert. Durch Vorurteile, mit denen nahezu jede*r von uns aufwächst, ist der Wert eines Menschen unbewusst ans Körpergewicht geknüpft. Personen mit hohem Körpergewicht erfahren häufig Diskriminierung aufgrund ihres Gewichts. Ihnen wird von klein auf vermittelt, dass ihr Körper nicht so wertvoll ist wie andere. Die Hemmung zu Verspottung, weniger höflichen Umgang, weniger Achtung und Respekt, Kränkungen und Objektifizierung von mehrgewichtigen Menschen ist niedriger. Die dadurch entstehende soziale Ausgrenzung von mehrgewichtigen Menschen und Scham führt häufig zu Depression, geringem Selbstwert und insgesamt geringerer Lebensqualität. Mehr zu den Folgen von Gewichtsstigmatisierung kannst du in meinem Blogartikel zum Anti-Diät-Tag lesen.



Gewichtsstigmatisierung ist der gemeinsame Nenner der Folgen, wenn Gewicht ins Zentrum der Gesundheit rückt. Neben den psychischen Folgen von Gewichtsstigmatisierung sind auch folgende Gesundheitsmarker betroffen: erhöhter HbA1c (Langzeitblutzucker), erhöhtes Risiko für Diabetesentstehung, erhöhter Blutdruck, erhöhte Entzündungsmarker, Metabolisches Syndrom, erhöhte Stressmarker (Puhl and Suh, 2015; Wu and Berry, 2017).


Den Schaden eines gewichtszentrierten Ansatzes berücksichtigt, geht es somit nicht um die Frage, welches Körpergewicht gesund ist oder ob ein hohes Körpergewicht ungesund ist. Es geht vielmehr darum, wie Menschen dabei unterstützt werden können ihre individuelle Gesundheit nachhaltig zu fördern, unabhängig davon wieviel sie wiegen. Mit einer gewichtsneutralen Sichtweise gelingt dies, da Gewichtsstigmatisierung abgelehnt wird und gesundheitsförderndes Verhalten im Fokus steht.


So geht gewichtsneutrale Ernährungstherapie

In der gewichtsneutralen Ernährungstherapie geht es also nicht darum, Gewicht abzunehmen. Es ist deshalb notwendig, zu allererst das Gewicht gedanklich zur Seite zu schieben und zu schauen was hinter deinem Abnehmwunsch (falls vorhanden) steht. Das heißt, hinterfrage welchen Aspekt deiner Gesundheit du mit einer Gewichtsabnahme eigentlich verbessern möchtest. Werde hier wirklich ganz konkret, z.B. konkrete Blutwerte verbessern, bessere Ausdauer haben, beweglicher sein, keine Essanfälle mehr erleiden, Kontrollverlust beim Essen auflösen etc. Wenn die eigentlichen Ziele definiert sind, dann können wir uns auf Ursachensuche von Problemen im Essverhalten begeben und genau dort ansetzen. Statt „weniger Süßes essen“ geht es also darum, den Ursachen für Heißhunger oder Essdrang nach Süßem nachzugehen, denn nur dann können diese nachhaltig aufgelöst werden.

Ein wahrscheinlich noch viel präsenterer Grund für einen Abnehmwunsch ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen, also das Körperbild. Diese Unzufriedenheit ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Menschen mit hohem Körpergewicht durch die Gewichtsstigmatisierung nachteiliger behandelt werden. Der Wunsch zur Gewichtsabnahme kann unterbewusst somit auch als Schutz vor Gewichtsstigmatisierung dienen. Zu diesem Thema möchte ich dir gerne eine persönliche Buchempfehlung mitgeben (unbezahlte Werbung): Riot don’t diet von Elisabeth Lechner. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und „zerlegt“, sozusagen, in diesem Buch den Begriff Schönheit aus kulturwissenschaftlicher Sicht. Sehr spannend und Augen öffnend. Auch das Thema Körperbild wird in der gewichtsneutralen Ernährungstherapie reflektiert. Es ist Teil des Menschen und somit Teil der ganzheitlichen Gesundheitsförderung, da alle Teilbereiche der Gesundheit sich gegenseitig beeinflussen (Anm. bio-psycho-soziales Modell der Gesundheit).

Zum Schluss möchte ich dir noch ein paar Ideen mitgeben, mit welchen Verhaltensweisen du etwas für deine Gesundheit tun kannst:


  • mit regelmäßigen nährstoffreichen Mahlzeiten deinen Körper nähren

  • Wahrnehmung deiner Körpersignale wie Hunger und Sättigung trainieren und respektieren

  • nimm dir Zeit zum Essen

  • ein flexibler, genussvoller Umgang mit Essen ohne schlechtem Gewissen und Selbstgeißelung (Food Freedom)

  • eine Bewegungsart finden die Freude macht, so bleibt die Motivation sich regelmäßig bewegen zu wollen (für psychische Ausgeglichenheit, um beweglich zu bleiben und sich kräftig zu fühlen)

  • regelmäßige Aktivitäten die Freude machen (z.B. Lesen, Malen, …)

  • ein soziales Umfeld schaffen, das dich unterstützt

  • Bewältigungsstrategien für emotionale Herausforderungen finden, die in erster Linie nichts mit Essen zu tun haben

  • Schlafroutine für bessere Schlafqualität

  • um Unterstützung fragen bzw. Hilfe annehmen, wenn sie dir angeboten wird


Wenn du Ernährungsberatung suchst, wo Gesundheit und Wohlbefinden an erster Stelle stehen statt ständig am Gewicht herumzudoktern, dann vereinbare gerne gleich ein kostenloses Info-Gespräch (telefonisch oder per Video-Call).



Quellen:

Field AE, Manson JE, Taylor CB, Willett WC, Colditz GA. Association of weight change, weight control practices, and weight cycling among women in the Nurses’ Health Study II. Int J Obes Relat Metab Disord. 2004 Sep;28(9):1134-42. doi: 10.1038/sj.ijo.0802728. PMID: 15263922.

Flint, S. W., & Colosio, A. (2022). Reframing obesity health care from policy to practice: A call for papers. EClinicalMedicine, 43. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2021.101256

Gaesser, G. A., & Angadi, S. S. (2021). Obesity treatment: Weight loss versus increasing fitness and physical activity for reducing health risks. IScience, 24(10), 102995. https://doi.org/10.1016/j.isci.2021.102995

Mann, T., Tomiyama, A. J., Westling, E., Lew, A.-M., Samuels, B., & Chatman, J. (2007). Medicare’s search for effective obesity treatments: Diets are not the answer. American Psychologist, 62(3), 220–233. https://doi.org/10.1037/0003-066X.62.3.220

Neumark-Sztainer, D., Wall, M., Guo, J., Story, M., Haines, J., & Eisenberg, M. (2006). Obesity, Disordered Eating, and Eating Disorders in a Longitudinal Study of Adolescents: How Do Dieters Fare 5 Years Later? Journal of the American Dietetic Association, 106(4), 559–568. https://doi.org/10.1016/j.jada.2006.01.003

Pietiläinen, K. H., Saarni, S. E., Kaprio, J., & Rissanen, A. (2012). Does dieting make you fat? A twin study. International Journal of Obesity, 36(3), 456–464. https://doi.org/10.1038/ijo.2011.160

Puhl, R., & Suh, Y. (2015). Health Consequences of Weight Stigma: Implications for Obesity Prevention and Treatment. Current obesity reports, 4(2), 182–190. https://doi.org/10.1007/s13679-015-0153-z

Skurk, T., Bosy-Westphal, A., Grünerbel, A., Kabisch, S., Keuthage, W., Kronsbein, P., Müssig, K., Pfeiffer, A. F. H., Simon, M.-C., Tombek, A., Weber, K. S., Rubin, D., & für den Ausschuss Ernährung der DDG. (2021). Empfehlungen zur Ernährung von Personen mit Typ-2-Diabetes mellitus. Diabetologie und Stoffwechsel, 16(S 02), S255–S289. https://doi.org/10.1055/a-1543-1293

Tomiyama, A. J., Carr, D., Granberg, E. M., Major, B., Robinson, E., Sutin, A. R., & Brewis, A. (2018). How and why weight stigma drives the obesity ‘epidemic’ and harms health. BMC Medicine, 16(1), 123. https://doi.org/10.1186/s12916-018-1116-5

Tribole, E., & Resch, E. (2020). Intuitive eating: an anti-diet revolutionary approach (4th edition). St. Martin’s Essentials.

Wu, Y. K., & Berry, D. C. (2018). Impact of weight stigma on physiological and psychological health outcomes for overweight and obese adults: A systematic review. Journal of advanced nursing, 74(5), 1030–1042. https://doi.org/10.1111/jan.13511




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